
Mit welchen Gedanken sind meistens die Ausländer in Deutschland angekommen, erleben die Menschen einen Kulturschock nach dem Umzug in Deutschland, auf welche kulturellen Schwierigkeiten stoßen die Ausländer – Fragen, die häufig gestellt werden. In diesem Interview können Sie die Stellungnahme eines Deuschlehrers für Ausländer in Berlin lesen.
Amos Mantzel, geb. am 10.07. 1970, Studium der Soziologie und Ethnologie in Göttingen, derzeit wohnhaft in Berlin.
Wichtige Aspekte für eine bessere Integration
1. Seit wann sind Sie als Deutschlehrer für Ausländer tätig?
Seit 2005/2006 – zunächst in Vertretung, inzwischen Vollzeit
2. Wie viele Menschen unterrichten Sie, und welche Nationalitäten und Altersgruppen haben Sie?
Gruppen unterschiedlicher Größe für verschiedene Institutionen, Alter in der Regel 18-30, im Prinzip alle Nationalitäten, aber mehrheitlich aus dem europäischen Ausland.
3. Unterscheiden sich Menschen, die oft umziehen, von Menschen, die immer an einem Ort leben?
Auf jeden Fall. Menschen mit internationaler Biographie sind interkulturell flexibler und oft toleranter, haben dafür aber weniger solide Kontakte (nur sehr viele Facebook-Freunde 😉
4. Was meinen Sie, mit welchen Gedanken sind meistens die Ausländer in Deutschland angekommen?
Die meisten versuchen, der finanziellen Misere und der Arbeitslosigkeit zu entkommen. In Berlin gibt es aber auch einen großen Anteil der internationalen Party-Fraktion, die das „schöne Leben“ suchen.
5. Erleben die Menschen einen Kulturschock nach dem Umzug in Deutschland?
Selten in drastischer Form, jedenfalls nicht bei Leuten aus dem europäischen Ausland. Aber es gibt Ausnahmen bei denjenigen, die das erste Mal in Deutschland sind und ein zu festes Bild von Deutschland hatten, ohne sich vorher zu informieren.
6. Helfen Ihre Unterrichte, sich die Menschen schneller an die neue Umgebung zu gewöhnen?
Ja, wir besprechen – a) Orientierung und Infrastruktur; b) Wohnungs- und Arbeitssituation, c) offizielle und nichtoffizielle Kommunikation und Umgang mit Behörden, d) Freizeit- und Reisemöglichkeiten u.a.
7. Was sind Ihrer Meinung nach wichtige Aspekte für eine bessere Integration?
1) Der Einstieg in das deutsche Bildungssystem müsste konzentrierter gefördert werden.
2) Die familiäre Prägung (auch soziale Herkunft) bestimmt oft noch zu sehr die Bildungschancen. Das Jugendamt sollte sich stärker gegen häusliche Gewalt und lernfeindliche Einstellungen in Familien durchsetzen.
3) Es müssten mehr Gruppen entstehen, die den interkulturellen Austausch fördern. Es gibt eine viel zu große Gruppenkohäsion von Personen aus EINEM Land. Integration müsste nicht nur zwischen Deutschen und „Ausländern“, sondern auch zwischen den Angehörigen verschiedener Nationen IN Deutschland stattfinden.
8. Auf welche kulturellen Schwierigkeiten stoßen die Ausländer?
Das kommt auf die Herkunft der Ausländer an. Viele verstehen einige offizielle Kommunikationsprozesse nicht, andere versuchen bürokratische Vorgaben „überzuerfüllen“ und verwickeln sich in Selbstwidersprüche. Andere wiederum wenden sich nur an Bekannte und können keine deutschen Bekanntschaften aufbauen.
9. Deutsche Sprache ist eine schwierige Sprache. Was fällt den Ausländern beim Lernen besonders schwer?
Ich denke nicht, dass es ABSOLUT schwierige oder leichte Sprachen gibt. Es kommt immer auf die Lernerperspektive an. Ungewöhnlich für viele sind die trennbaren Verben, das Passiv mit „werden“ und die Deklination der Artikel. Wenn sich das Deutsche wie das Englische stärker verbreiten würde, käme es automatisch zu einer Vereinfachung (wie man es z.T. schon jetzt im Wegfall des Genitivs und des Konjunktivs I beobachten kann, die nur in offiziellen Umfragen verwendet werden ;)). Zu Shakespeares Zeiten war Englisch auch noch „schwer“.
10. Der erste Eindruck bleibt – weil er stimmt. Was beeindruckt die Menschen aus dem Ausland am Anfang?
Ich kann nicht sagen, dass der ERSTE Eindruck, den ich von einem Land hatte, gestimmt hat (wenn es so wäre, wüsste man ja alles und bräuchte nicht mehr wiederzukommen). Was besonders auffällt, hängt auch wieder vom Kontrast zur Ausgangskultur ab (so finden Menschen aus Südamerika oder Südosteuropa Berlin besonders sauber und aufgeräumt, während Skandinavier Berlin für extrem schmutzig halten). Russen sind oft davon überrascht, wie wenig militärische Disziplin es in Deutschland gibt und US-Amerikaner davon, dass nicht alle traditionelle Kleidung tragen und man in Berlin keine Weißwurst kennt. Viele sind von der Vielfalt regionaler Dialekte und Kulturen überrascht.
Amos Mantzel
E-Mail:amos.mantzel@gmx.de